18.05.2012

 

Kadiweus

Geographische Region: Mato Grosso do Sul (Brasilien)
Sprachgruppe: Guaikuru
Wohnstätte: Hütten aus Bambus und Acuri Palmen
Hauptnahrungsquelle: Jagd, Fischerei, Maniok, Bohnen, Mais, Kürbis

Die Herkunftsgeschichte aus der Sicht der Kadiwéu:

Gott säte verschiedene Samen. Daraus wuchs das Pantanal und die Bodoquena Hügelkette mit den verschiedenen Bäumen wie dem Paratudo, Jacuri, Jatobá und Caranda heran. Jedem Baum entwuchs ein Stamm: aus den Acuri Palmen die Terenas, aus den Paratudos die Bororos und die Kadiwéus entstammen vom Manduvi. Der Manduvi-Baum ist auch die Mutter des Pantanals. Er hatte für alle etwas und die Tiere mochten ihn: die Aras, die seine Früchte aßen und in seinem Stamm nisteten, die Jaguare, die sich auf seinen breiten Ästen ausruhten bis hin zu den fischen, die sich von den herunter fallenden Früchten ernährten wenn der Manduvi am Ufer eines Flusses stand um mit seinen Wurzeln die Erde zusammen zu halten.
Eines Tages fragte der Cacique (Häuptling) der Kadiwéus den Gott:
„Den Terenas gabst du die Fähigkeit die Erde zu bebauen, den Guato die Fähigkeit die besten Boote herzustellen und die Bororos sind Meister in Pfeil und Bogen. Auch hast du ihre Stämme viel größer gemacht als unseren. Wieso gabst du uns keine speziellen Fähigkeiten und nur so wenige Stammesmitglieder?“ Gott antwortete: „Ich gab euch das Recht von allem etwas zu nehmen. Hätte ich euren Stamm grösser gemacht, dann könnten die anderen Stämme nicht mehr existieren.“

Götter, Geister und Dämonen wurden bei den Kadiwéus sehr ernst genommen. Sie wurden als Mächte angesehen, die von den Schamanen zum Wohl oder Schaden eines Menschen beeinflusst werden konnten. In der Stammesgemeinschaft spielten die Schamanen daher eine dominierende Rolle. Obwohl ihm heilende Kräfte zugesprochen werden, fürchteten sie auch „Bobo“. Jedes Jahr gibt es heute noch ein Fest mit Bobo. Ein Mann verkleidet sich bis zu Unkenntlichkeit als Bobo. Er bedeckt sein Gesicht mit einer Ledermaske, ist besonders für die Kinder da und macht die verschiedenste Tricks. Bobo bringt das Gute aus der Geisterwelt. Es ist jedes Jahr ein Fest auf das sich alle freuen. In Verbindung mit Geburt, Eintritt ins Erwachsenenalter und Tod wurden die wichtigsten Riten praktiziert. Wenn ein Verwandter starb, wurde jedem Kind die die Haare geschnitten. Der Körper wurde mit Asche eingerieben dann wurde 10 tage lang getrauert und gebetet. Danach gingen alle in den Fluss, saßen mit dem Gesicht zur Strömung und ließen sich von der heilenden Kraft des Wassers reinigen. Danach war die Trauer abgeschlossen. Die Kinder erhielten ihren Namen erst wenn sie wichtige Persönlichkeitsmerkmale aufwiesen, jemand verwandtes eine Vision hatte oder den Namen träumte. Auch glaubten die Kadiwéus an Widergeburt. Dem Krieger wurde das Pferd in das Grab mitgegeben, damit er im Jenseits nicht auf seinen treuesten Begleiter verzichten musste.

Die Kadiwéus gehören zur Sprachfamilie der Guaikuru. Mit ihren ca. 2400 Mitgliedern sind sie die einzigen Vertreter dieser Sprachgruppe im Mato Grosso do Sul. Nur südlich des Paraguay-Flusses gibt es noch Dialekte dieser Sprachfamilie. Wann sich die Guaikuru mit den Kadiwéus vermischt haben oder ob sich ein Teil der Guaikuru abgespaltet hat und sich nun Kadiwéu nennt, ist nicht bekannt. Bekannt ist aber dass die Guaikuru eher verwandt mit den Indianern aus Chile, als mit den Guarani oder anderen Stämmen aus dem Pantanal sind. Sie beherrschten weite Teile von Paraguay, Pantanal und der Serra Bodoquena. Sie wurden als kriegerisches und reitendes Kriegsvolk respektiert und gefürchtet. Chronisten meinen, dass es bei den ersten Kontakten mit den europäischen Eroberern zu kriegerischen Auseinandersetzungen kam. Das Pantanal wurde erst recht spät entdeckt. Miranda als älteste Stadt wurde am 16. Juli 1778 gegründet. Corumba wurde im selben Jahr im September gegründet, diente aber lange nur als eine kleine Militärbasis. 1864 – 1868 kam es zum Paraguay-Krieg, den die Portugiesen nur mit Hilfe der Kadiwéus gewannen. Nach dem Krieg erhielten die Kadiwéus viel ihres Stammeslandes zurück.

Die soziale Struktur war in drei Bereiche aufgeteilt: die Herren-Linie, die Krieger-Linie und die Sklaven-Linie. Von Generation zu Generation wurde der soziale Status vererbt. Die einflussreichsten Sippen waren in der Regel die Träger der Herren-Linie. Großen Wert legten die Kadiwéus auf Sauberkeit und schöne Kleidung. Nur bei besonderen Anlässen bemalten sie ihre Körper. Dies wurde in erster Linie auf Brust, Rücken, Arme und im Gesicht vorgenommen. Durch verschiedene Zeichnung wurde die soziale Stellung sichtbar gemacht. Die feinste Zeichnung war der Herren-Linie vorbehalten. Im Töpfern sind die Kadiwéu-Frauen wahre Künstlerinnen. Wie in der Vergangenheit stellen sie Vasen, Teller und andere Tongefässe her. Zur Bemalung gewinnen sie die Farben aus der Erde, Früchte oder Samen. Diese Farben werden nicht nur für die Keramiken benutzt. Auch für die Körperbemalung und Tiere werden sie verwendet. Die Farben hatten eine große Bedeutung, da jede einzelne stellvertretend für Energien und Elemente standen. Z.B. wird der Kaiman immer rot und schwarz haben. Diese Farbkombination symbolisiert Krieg. Rot alleine steht für starke Energie, was liebe aber auch Blut, also Krieg sein kann. Der Kaiman wird auch immer grün haben, als Symbol des Lebensraumes. Das braun der Erde zeigt seine Geduld. Der Kaiman kann warten und greift nur zu wenn er sicher ist das er es auch erhält. Er entwickelt Strategien und jagt zum Teil in Gruppen. Schmuck aus Kaimanzähnen oder Knochenplatten helfen seinem Träger gerade diese Eigenschaften zu verwirklichen. Das Schwarz der Körpermalerei wird aus der Jenipapoo Frucht gewonnen und hält ca. 5 – 7 Tage. Das Rot stammt aus Urucumsamen.

Seit dem 15. Jahrhundert ist der Stamm der Kadiwéus dokumentiert. Sie wurden als reitendes Kriegsvolk bekannt, das andere Stämme versklavte. Durch Zähmung von Wildpferden schafften sie es so die Anzahl ihrer Herden zu vermehren. Im Kriegsfall wurden diese Herden wie Schilder vor sich hergetrieben. Seitlich am Pferd hängend und mit einem Speer bewaffnet konnten die Kadiwéus sich so selbst verstecken und ihre Feinde überrumpeln. Fast das gesamte östliche Einzugsgebiet des Paraguayflusses durchstreiften ihre Krieger. Da die Kadiwéus als Kriegsvolk ständig in Bewegung waren und unabhängig sein mussten, duldeten sie nur ein Kind. Durch ihr enormes wissen über Heilkräuter wurden so Schwangerschaften verhindert aber auch abgetrieben. Behinderte Kinder wurden immer gleich nach der Geburt getötet.

1499 betrat der Spanier Vincente Yanez Pinzon brasilianischen Boden und begegnete überall schwarzhaarigen Menschen mit brauner Hautfarbe und vorstehenden Backenknochen. Es war eine gastfreundliche, hilfsbereite Urbevölkerung, die den Weißen entgegentrat. Oft völlig erschöpft von der langen Seereise, stellten Ihnen die Kadiwéus bereitwillig ihr Land zur Verfügung und halfen ihnen noch mit ihren eigenen Vorräten über die ersten schweren Jahre hinweg. Ohne ihre Unterstützung hätten sich diese Einwanderergruppen in der Wildnis kaum halten können.

Die erste spanische Expeditionsgruppe, unter der Leitung von Aleixo Garcia, kam 1524 an den Ufern vom Fluss Miranda an. Dort trafen sie hauptsächlich auf den Stamm der Guarani und gründeten eine kleine Kolonie. Als dann die ersten Portugiesen im Pantanal eintrafen fanden sie das kriegerische Volk der Gaucuru schon hoch zu Pferd vor. In Gruppen von bis zu 300 Kriegern waren die Gaucuru unterwegs. Der Stamm der Kadiwéus hielt sich Sklaven. Historisch ist überliefert, dass die Sklaven  der Spanier und Portugiesen zu den Kadiwéus flüchteten, da sie dort besser behandelt wurden. Die Kadiwéus selber haben sich nie mit den Sklaven vermischt. Auch beschützten sie andere Indianerstämme, wie zum Beispiel die Terenas, gegen kriegerische Übergriffe und erhielten dafür grundnahrungsmittel wie Maniok, Bohnen, Mais, Kürbis etc.

1775 begannen die Portugiesen Forts am Fluss Paraguay zu errichten. Als dann die Paraguayer ins Pantanal bis Miranda eindrangen begann der Paraguaykrieg von 1864 – 1870. Zusammen mit den Portugiesen, Argentinier und Uruguayer besiegten die Kadiwéus die Paraguayer. Durch diesen Sieg verfügt der Stamm der Kadiwéus noch heute über riesige Ländereien. Noch heute ist der paraguayische Einfluss in ganz Mato Grosso do Sul spürbar und die traditionelle Kleidung der Kadiwéus weist die Farben von Paraguay auf. Tausende von Personen sind dabei umgekommen. Durch die stabilen Grenzen kamen viele Wirtschaftsflüchtlinge aus Europa um das Pantanal zu besiedeln. Auch die Zahl der Missionare wurde größer um das Wort Gottes unter den Indianern zu verbreiten.

Verluste in den zahlreichen Kriegen und Krankheiten wie Tuberkulose reduzierten die Bevölkerung bis zum Jahre 1939 auf ca. 100 Indianer. 1968 trafen Missionare nur noch etwa 50 Indianer in der Hauptsiedlung Alves de Barros an. Rund 250 Kadiwéus lebten zerstreut auf Farmen (Fazendas). Die Kadiwéus waren am aussterben als sie begannen sich mit den Weißen oder anderen Indianerstämmen zu vermischen. Daher gibt es nicht mehr all zu viele reinrassige Kadiwéus. Aus diesem Grund wollen die traditionell lebenden Kadiwéus auch keine Weißen mit ihren schulmedizinischen Medikamenten auf ihrem Land haben. Sie berufen sich auf ihre altbewährte Kultur und ihr enormes Wissen über Heilkräuter. Nach eigenen Angaben gibt es heute schätzungsweise 3000 Kadiwéus. Manche leben in Städten, aber die meisten leben in Aldeias (Dörfer) in einfachen Häusern. Leider sterben die Alten mit ihrem großen Wissen langsam aber sicher aus. Die Weißen schleppten viele Krankheiten ein, unter anderem auch Tuberkulose. Ähnlich wie in Neuseeland bei den Maoris soll diese Krankheit sehr gezielt von den Weißen eingeschleppt worden sein, um sie zu töten und zu reduzieren. Bis letztes Jahr hat die Fundacáo Nacional de Saúde (FUNASA) noch kranke Kadiwéus an speziell dafür eingerichteten Gesundheitsposten behandelt. Aus unerklärlichen Gründen jedoch wurden diese für mehrere Monate geschlossen und jetzt wieder in Betrieb genommen. Diese aktuelle Situation führt auch dazu dass Alkoholismus und die Selbstmordraten zunehmen. Die Kadiwéus leben fast nur noch für ihre Tänze und Töpfereien aus dem touristisch Profit zu schlagen ist.

1899 wurde das 538.536 ha* große Indianerreservat „Reserva Indígena Kadiwéu“ vermessen und 1903 offiziell von der Regierung anerkannt. Es liegt südlich des bekannten Pantanal-Sumpfgebietes im Bundesstaat Mato Grosso do Sul. Zum größten Teil ist die Fläche an Viehzüchter verpachtet. Selbst wohnen die Kadiwéus auf vier weitläufige Siedlungen verteilt. Innerhalb des Indianerreservates gibt es darüber hinaus noch zahlreiche Wohnstätten der Kadiwéus auf entlegenen Farmen. 

Die ersten Bewohner der Region, die Indianer, hinterließen ein Erbe, welches sich noch heute in der regionalen Kunst und Kultur, im Tanz und der Musik, in der typischen regionalen Küche und in anderen Manifesten der Folklore wieder findet. Indios, Guaicuru, Terena, Paiaguá und Xané bewohnten Orte in der Nähe von Flüssen am Fuß der Randgebirge. Sie formten unterschiedliche Stammesgruppen mit unterschiedlichen Sprachen. Allen gemeinsam war, dass sie ihre Nahrung prinzipiell durch Jagd und Fischfang aufbrachten, in einem Universum, in dem der Tisch stets reich für sie gedeckt war.

Wie die meisten anderen Stämme leben die Kadiwéus in einem Dilemma. Einerseits heißt Indianer sein verachtet und unmündig zu sein, andererseits sind Indianer politisch und anthropologisch interessant und werden für eigennützige Zwecke der Regierung eingesetzt. Ein Kadiwéu stellte fest: „Die Menschen interessieren sich nicht wirklich für einen Indianer, sondern nur an einem wie sie ihn sich vorstellen. Man muss viel Geld haben, dann fragt kein Mensch danach wer du bist“. Von den ursprünglich neun Stämmen gibt es heute noch fünf, aber der Stamm der Guató ist kurz vor davor auszusterben.  Sie waren Herrscher der Gewässer. Kein anderer Stamm wusste so gut mit Kanus umzugehen wie dieser Stamm. Jetzt weiß nur noch ein alter Mann wie diese traditionellen Kanus anzufertigen sind.

So geht beim Tod jedes alten Indianers wertvolles Wissen verloren.

An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei Mirjam Goering bedanken. Sie stellte mir den größten Teil des Textes und die Bilder zur Verfügung.


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