Ein besonders eigenartiges, ja fast unindianisches Bild bietet die so genannte Nordwestküsten-Kultur dem uneingeweihten Betrachter. Die pazifischen Küstenstämme, die den schmalen Landstreifen zwischen den Kordilleren und dem Meer sowie die vorgelagerten Archipele zwischen Südostalaska im Norden und Nordkalifornien im Süden bewohnen, haben hier, abgeschnitten von den indianischen Kulturen des übrigen nordamerikanischen Kontinents, eine Fischerkultur entfaltet, die ihresgleichen in der Welt sucht.
Die fjordartige Landschaft mit ihrer üppigfeuchten Vegetation, die von Riesenzedern und anderen Mammutbäumen geprägt ist, war eines der am dichtesten besiedelten Gebiete Nordamerikas, obwohl der Bodenbau hier unbekannt war. Charakteristisch für die Nordwestküstenprovinz ist auf dem Gebiet der materiellen Kultur die hoch entwickelte Holzschnitzkunst, die in ihrer plastischen und ornamentalen Gestaltung eher an ostasiatische und ozeanische Vorbilder als an indianische erinnert. Trotz mancher formaler Parallelen mit Asien hat die Kunst der Nordwestküsten-Kultur aber wohl doch eine eigenständige Entwicklung gehabt, die ohne wesentliche Einflüsse von außen blieb.
Man teilt die Nordwestküsten-Kultur gewöhnlich in mehrere Kulturregionen, in denen Stämme von unterschiedlicher Größe und Sprachzugehörigkeit wohnen. Das nördliche Teilgebiet wird als Nördliche Meeresregion bezeichnet. Es erstreckt sich von Südalaska bis zum fjordartigen Douglas Channel im zentralen British Columbia und schließt die der Küste vorgelagerten Inseln, insbesondere den Queen-Charlotte-Archipel, mit ein. Der Norden dieser Region wird von den Stämmen der Tlingit bewohnt, die Queen-Charlotte-Inseln von den Haida und der südliche Küstenbereich von den Tsimshian. Mit ihnen sind nur die wichtigsten Stämme bzw. Sprachfamilien genannt.
Zur Zeit der Ankunft der Europäer war die indianische Kultur der Nördlichen Meeresregion reich entfaltet; sie wurde oft als repräsentativ für die gesamte Nordwestküste angesehen. Es hat sich aber, vor allem aufgrund archäologischer Funde, die man weiter im Süden gemacht hat, gezeigt, dass die Kulturhöhe der Stämme des Nordens eine relativ junge Erscheinung ist und dass früher der Höhepunkt der pazifischen Fischerkulturen in der Zentralen Meeresregion lag. Dieser Raum umfasst die zentrale Küste von British Columbia, die Insel Vancouver und den Nordteil der Olympia-Halbinsel. Die meisten seiner Bewohner gehören zur Wakash-Sprachfamilie. Von ihnen sind insbesondere die Kwakiutl durch die jahrzehntelangen Forschungen des Nestors der amerikanischen Völkerkunde Franz Boas, weltweit bekannt geworden. Neben den Kwakiutl leben in der Zentralen Meeresregion die Bellabella, die Bellacoola, die Nootka und die Makah.
Neueste archäologische Entdeckungen machen es wahrscheinlich, dass sich die Nordwestküstentradition wenigstens teilweise an der Mündung des Fraser River, in der Nähe der heutigen Stadt Vancouver entwickelt hat. Hier findet sich schon seit etwa 4000 v. Chr. Eine Küstenfischerkultur, die von Binnenlandstämmen ins Leben gerufen worden war und aus dem Fraser-Plateau stromabwärts ans Meer vorstoßend, die reichen Fischgründe der Küste erreicht hatte. Das Fraser-Delta und der weiter südlich gelegene Pugetsund wurden in früher historischer Zeit von verschiedenen Stämmen der Küsten-Salish bewohnt, die, wie ihr Name besagt, sprachlich mit den Binnenland-Salish des Fraser- und nördlichen Columbia-Plateau verwandt sind und von diesen abstammen dürften. Der archäologische Befund scheint das zu bestätigen.
Südlich des Küstengürtels und der großen Meeresbucht des Pugetsundes lebte am Unterlauf des Columbia einst die volkreiche Gruppe der Chinook. Sie war der wichtigste Handelspartner der Binnenlandstämme jenseits der Kaskadenkette und versorgte diese mit den Produkten der Küste. Das Chinook war als Verkehrs- und Handelssprache von Vancouver bis nach Nordkalifornien verbreitet. Der Unterlauf des Columbia River, der bei The Dalles die Kaskadenkette durchbricht und die Küste mit dem Columbia-Plateau verbindet, war schon seit alters her ein wichtiger Handelsweg; das bezeugen die hier gelegenen archäologischen Fundstationen von Indian Wells und Five Mile Rapids, deren unterste Fundschichten Artefakte und Fischgräten aus dem 5. Jahrtausend v. Chr. Enthielten.
Am stärksten wichen die Kalapuya, die Bewohner des prärieartigen Willamette-Tales in Oregon und die zahlreichen kleinen Stämme der mittleren und südlichen Oregonküste von der dynamischen und reichen Kultur der nördlichen und mittleren Nordwestküste ab. Nordkalifornien mit dem Unterlauf des Klamath River zählt zwar ebenfalls noch zur Nordwestküstenprovinz, doch macht sich hier schon der Einfluss des kalifornischen Kulturtyps bemerkbar.