Südwesten
Lebensraum: | die Trockensteppe |
Lebensunterhalt: | Kampf ums Wasser |
Materieller Kulturbesitz: | vom Windschirm zum mehrstöckigen Lehmziegelhaus |
Soziale Umwelt: | Dorfgemeinschaft, Nomadenlager |
Religion: | Regenzauber, Krankenheilung |
Die weiten Trockensteppen des Südwestens bildeten den Lebensraum einer Anzahl von indianischen Gruppen, die sich in Mehrheit von den sie umgebenden Stämmen im Westen (Kalifornien), Norden (Großes Becken) und Osten (Südliche Plains) dadurch unterschieden, dass sie intensiven Bodenbau betrieben. Das Kerngebiet des Südwestens erstreckt sich über die beiden heutigen amerikanischen Bundesstaaten Arizona und New Mexico sowie den Nordwesten Mexikos (Sonora, Sinaloa).
Topografisch wird der Südwesten in seinem nördlichen Teil vom südlichen Ausläufer des Colorado-Plateaus geprägt, einem flachen, von tief erodierten Flussläufen zerschnittenen Tafelland, aus dem nur gelegentlich isolierte Bergmassive aufsteigen. Es wird im Westen vom Colorado River und seinen Nebenflüssen (San Juan River, Little Colorado River, Gila River), im Osten vom Rio Grande (del Norte) und dessen Zuflüssen entwässert. Nur die Hauptströme führen das ganze Jahr Wasser. Die Zuflüsse aus dem südlichen Colorado-Plateau sind Trockenflüsse, die nur bei starken Niederschlägen Wasser führen. Das Land liegt im Durchschnitt über 2000 Meter hoch und empfängt, bei ausgeprägt kontinentalem Klima (heiße Sommer und kalte Winter), etwa 200 mm Niederschlag im Jahresdurchschnitt. In der Vegetation herrscht die Trockenbuschsteppe oder Halbwüste vor, die von locker gestellten Büschen, Gräsern und Sukkulenten geprägt wird. In den höheren Lagen finden sich Juniperus-Arten, an den Westhängen der Berge auch größere Bestände von Kiefern. Völlig vegetationslose Strecken kommen in größerer Ausdehnung nur selten vor.
In seinem mittleren und südlichen Teil bildet der Südwesten eine etwas tiefer gelegene Zone mit zahlreichen, meist abflusslosen Beckenlandschaften und Zeugenbergen, der so genannten Basin-and-Range-Provinz, aus der im östlichen Arizona und in Nordwestmexiko größere Bergketten emporragen. Die Sierra Madre Occidental, die sich von Norden nach Süden quer durch den mittleren Teil Sonoras zieht und die inneren Hochebenen Nordmexikos vom Pazifik abschirmt, hebt sich am deutlichsten von der Tieflandzone ab. Hier liegen die Niederschläge, vor allem an den Westhängen, erheblich über dem Durchschnitt, so dass die Vegetation durchweg dichter ist und größere geschlossene Waldbestände aufweist. Die amerikanische Wüste des Tieflandes (1000 – 1500 m Höhe) hat eine ähnliche Vegetation wie das Colorado-Plateau, wenn auch die Charakterpflanzen hier dem südlichen Breitengrad entsprechen: neben locker gestellten Büschen und Krüppelbäumen (z. B. Mesquite) überwiegen Yuccas und zahllose Kakteenarten, darunter Riesenkakteen, wie der über 10 m hohe Sahuaro (Carnegiea gigantea), der vor allem an den Südhängen der Berge verbreitet ist.
Die Wüste hat ausgesprochen milde Winter und trockenheiße Sommer mit Temperaturen von über 40 Grad Celsius. Bis auf den Gila River, der Zentralarizona von Ost nach West durchquert, sind alle Flüsse der sonorischen Wüste Trockenflüsse, die nur gelegentlich Wasser führen. Das gilt auch für die vom Westhang der Sierra Madre Occidental herabkommenden kurzen Küstenflüsse, die meist schon vor ihrer Einmündung in den Pazifik versickern (Rio Sonora, Rio Fuerte, Rio Yaqui). Die Niederschläge, die hier in Form von kurzen heftigen Gewitterregen auftreten, liegen in der Wüste teilweise weit unter 200 mm im Jahr. Ähnliche Verhältnisse herrschen auf der Mesa del Norte vor, dem riesigen Steppenraum östlich de Sierra Madre Occidental (Chihuahua).
Im Gegensatz zu den anderen Kulturarealen Nordamerikas zeigt der Südwesten ein außerordentlich breites Spektrum indianischer Kulturentwicklung, das von einfachen halbnomadischen Sammlern und Jägern bis zu hoch entwickelten sesshaften Bodenbauern mit differenzierter Bewässerungswirtschaft und komplexen Sozialstrukturen reicht. Unter kombinierender Berücksichtigung von ökonomischen und historischen Faktoren lässt sich ein grobes Raster von drei dominierenden Kulturtypen erkennen:
eine bodenständige Wildbeuter Grundlage
eine aus diesem Wildbeutertum hervorgegangene und gegen Ende des ersten Jahrtausends v. Chr. durch Anreize von außen entstandene Bodenbauerschicht
eine junge, ab 1300 n. Chr. aus den Plains in den Südwesen eingewanderte Jäger- und Sammlerbevölkerung, die dann in frühkolonialer Zeit durch die Übernahme europäischer Haustiere (Ziege, Schaf, Rind, Pferd) zur Viehzucht überging.
Sehen wir zunächst von dem seit der europäischen Kolonialzeit und insbesondere seit der anglo-ameikanischen Landnahme beginnenden Nivellierungsprozess ab. Die in Resten sich behauptenden Vertreter des Wildbeutertums stellen die Nachkommen eines alten Steppensammlervolkes dar, das über die riesigen Trockensteppenräume vom Großen Becken bis tief nach Mexiko verbreitet war und kulturgenetisch mit der prähistorischen Wüstenkultur zusammenhängt. Dieses alte Sammlertum hat sich bis zur Ankunft der Europäer in einem westlichen und einem östlichen Flügel erhalten. Uns interessiert hier nur der Westflügel, denn der östliche Wildbeutekomplex, der den südlichen Teil von Texas und ganz Nordostmexiko einnahm, ist wissenschaftlich kaum erforscht, die Bevölkerung heute ausgestorben.
Zwischen diesen zahlenmäßig kleinen und weit verstreut lebenden Wildbeuterverbänden, vor allem aber in den Flussniederungen und in klimatisch günstigen Landschaften lebten wie in Oasen inmitten einer Wüste größere Gruppen von Bodenbauern. Im Unterscied zu den Wildbeutern, die alle der Hoka-Sprachfamilie angehören, zählen diese Bodenbaue zu ganz verschiedenen Sprachfamilien. Auch kulturell unterscheiden sie sich trotz mancher Gemeinsamkeiten deutlich voneinander.
Die bekannteste und bevölkerungsmäßig größte Gruppe der Bodenbauer stellen die in zahleichen größeren Dörfern lebenden Pueblo-Indianer (spanisch: pueblo = Dorf) dar, zu denen heute etwa 32 000 Menschen rechnen. Sie wohnen zum großen Teil auch jetzt noch in den Dörfern, die denen der voreuropäischen Zeit ähneln. Sie sind die Nachkommen der prähistorischen Pueblo-Indianer, die etwa ab Christi Geburt eine eigene spezifische Kulturtradition (Anasazi) ausgebildet hatten und schon vor knapp 1500 Jahren, wahrscheinlich unter dem Anreiz altmexikanischer Kulturen, zur Kultivierung von Pflanzen und damit zur Sesshaftigkeit übergegangen waren. Ihren Höhepunkt erreichte die Anasazi-Kultur zwischen 1100 und 1300 n. Chr., als die großen Klippensiedlungen des Mesa-Verde-Gebietes und die Großbauten im Chaco Canyon (Pueblo Bonito u. a.) entstanden. Gegen Ende der Blütezeit wanderten Teile der Anasazi nach Süden und Osten ab, wo sie im oberen Rio-Grande-Tal neue Siedlungen errichteten.
Man teilt die heutigen Pueblo-Indianer (kurz: Pueblo) in eine westliche und eine östliche Gruppe, wobei die Unterschiede zum Teil auf ökologische Anpassungsprozesse, zum Teil aber auch auf kolonialzeitliche Einflüsse zurück zu führen sind. Zu den westlichen pueblo zählen die Hopi, die einen Shoshone-Dialekt, also eine uto-aztekische Sprache, besitzen. Sie leben heute inmitten des riesigen Navajo-Reservates auf einem eigenen Territorium. Unter ihnen hat sich seit etwa 250 Jahren eine kleine Gruppe von Tewa-Indianern gehalten, die vor den Spaniern aus dem Rio-Grande-Tal geflüchtet waren. Zur Gruppe der westlichen Pueblo-Indianer rechnet man auch die Zuni, die etwa 60 Meilen südlich von Gallup im westlichen Zentral-New Mexico in einem isolierten Dorf (früher gab es mehrere Zuni-Dörfer) wohnen. Die Sprache der Zuni kann keiner der großen indianischen Sprachfamilien zugerechnet werden, doch scheint eine Affinität zur Penuti-Sprachfamilie Kaliforniens zu bestehen.
Die acht Hopi-Döfer, die auf den Zipfeln eines sich zungenartig nach Süden ausstreckenden Plateaus, den so genannten drei Mesas, angelegt sind, zählen heute rund 6000 Menschen. In neuerer Zeit werden die einst zum Schutz vor Feinden auf den Mesas angelegen Dörfer immer mehr aufgegeben, um neue, bequemer gelegene Siedlungen in der Nähe der Felder im Tal zu errichten. Einige solcher Siedlungen wurden sogar auf Grund von internen Streitigkeiten weit entfernt vom Kerngebiet der Hopi angelegt.
Die westlichsten Dörfer der östlichen oder Rio-Grande-Gruppe der Pueblo sind Laguna und Acoma. Die hier gesprochene Sprache gehört zur Keres-Familie, die im Rio-Grande-Gebiet verbreitet ist. Laguna ist mit knapp 5000 Einwohnern die größte östliche Pueblo-Siedlung, Acoma hat heute hingegen nur mehr halb so viele Einwohner, weil ein Teil abgewandert ist. Die meisten Dörfer der Pueblo-Indianer liegen im Tal des oberen und mittleren Rio Grande und am Jemez River. Sprachlich unterscheiden sie sich nach dem Keres- und Tano-Dialekten. Zu den keressprechenden Pueblos gehören Zia, Santa Ana, San Felipe, Santo Domingo und Conchiti, zu den tanosprechenden (mit den Tewa-, Tiwa- und Towa-Dialekten) Nambé, Tesuque, San Juan, Santa Clara, San Ildefonso (Tewa), Taos, Picuris, Sandia und Isleta (Tiwa) und Jemez (Towa). Am bekanntesen ist wohl das Pueblo von Taos, die nördlichste Siedlung. Es hat bis heute seinen ursprünglichen kompakten Baustil mit bis zu fünf Stockwerken bewahrt. Die meisten anderen Pueblos haben selten mehr als zwei Stockwerke. Die Regel sind einstöckige „Reihenhäuser“, die neuerdings jedoch immr stärker von einzelnen Gehöften verdrängt werden.
Die zweite große Gruppe der Bodenbauer des Südwestens wird von den Stämmen des unteren Colorado-Tales, unterhalb des heutigen Hoover-Dammes, gebildet. Ihre Sprache ist das Yuma – daher die Bezeichnung River Yumans. Ihnen gehören die Mohave (1600), Yuma (1150), Maricopa und Cocopa (2000) an. Weitere kleinere Gruppenm, die einmal zu ihnen zählten, sind heute ausgestorben oder in den größeren Stämmen aufgegangen. Sie alle sind die Nachkommen der Träger der prähistorischen Patayan-Tradition. Die Yuma-Stämme leben unmittelbar im schmalen Tal des Colorado River bzw. am Unterlauf des in diesen einmündenden Gila River.
Die dritte Gruppe der Bodenbauer stellen die Pima (6800) und die Papago (16 000 innerhalb der USA) von Zentral- und Südzentralarizona sowie Sonora (Mexiko). Sie sind die Nachkommen der Träger der prähistorischen Hohokam-Tradition, die schon in den letzten Jahrhunderten vor Christi Geburt im Gila-Becken eine intensive Bodenbewirtschaftung auf der Grundlage des Kanalbewässerungsbaus betrieben. Die Pima und Papago sind spachlich miteinander verwandt, sie sprechen beide eine uto-aztekische Sprache. Die südlichen Papgo, die südwestlich von Tucson sowie in Sonora leben, unterscheiden sich in ihrer Lebensunterhaltswirtschaft teilweise jedoch erheblich von den Pima, weil es hier keine überwinternden Flüsse gibt, die zur Bewässerung der Felder angezapft werden können. Die WüstenPapago sind nur Teilzeit-Feldbauern mit starker Sammelwirtschaftskomponente.
Den Pima und Papago steht sprachlich die vierte große Gruppe der Bodenbauer des Südwestens nahe: die ebenfalls uto-aztekisch sprechenden Stämme des nordwestmexikanischen Berglandes. Sie setzen sich zusammen aus den in den nördlichen Ketten der Sierra Madre Occidental lebenden Opata, Tarahumara (50 000) und Tepehuan und den im heißen Küstenvorland von Sonora und Sinaloa siedelnden Cáhita (Yaqui [21 000] und Mayo [30 000]). Bis auf die Yaqui und Teile der Tarahumara haben die nordwestmexikanischen Stämme weitgehend ihre indianische Identität verloren und sind in der Masse der mexikanischen Mischlingsbevölkerung aufgegangen. Die Yaqui, die früher die zahlenmäßig größte Gruppe bildeten, sind vor allem nach der mexikanischen Revolution weit verstreut worden (nach Yucatán, Baja, alifornia, Arizona), so dass die heute in ihrem alen Stammesland noch lebenden 15 000 Yaqui nur einen Rest der ursprünglichen Bevölkerung darstellen.
Die jüngste indianische Bevölkerungsschicht, die, ursprünglich aus dem Norden stammend, ab etwa 1300 n. Chr. in den Südwesten einwanderte und das weite Steppenland zwischen den sesshaften Bodenbauern einnahm, besteht aus Süd-Athapasken. Sie haben sich vor vielen hundert Jahren von ihren Sprachverwandten, den Nord-Athapasken im heutigen Nordwestkanada, getrennt und sind am Ostrand des Felsengebirges entlang nach Süden gewandert, wo sie archäologisch als Dismal River-Kultur im zentralen Plainsgebiet noch im 15. Jahrhundert nach Christi nachgewiesen worden sind. Man teilt die Süd-Athpasken in die Navajo (Navaho), die mit über 160 000 Menschen heute die größte indianische Bevölkerung Nordamerikas stellen und in die verschiedenen Apachenstämme.
Wähend einzelne Gruppen der Navajo, die in unabhängigen Lokalgruppen und nicht in einem integrierten Stamm lebten, schon in voreuropäischer Zeit von den Pueblo-Indianern den Bodenbau übernahmen und teilweise sesshaft wurden, später dann vor allem die von den Spaniern eingeführten europäischen Haustiere ihrer Wirtschaft eingliederten und bald als Viehzüchter Erfolge zu verzeichnen hatten, verharrten vor allem die westlichen Apache bis zu ihrer endgültigen militärischen Besiegung durch amerikanische Truppen im Jahre 1886 in ihrer alten Wildbeuterwirtschaft als Jäger und Sammler. Sie übernahmen zwar von den Spaniern das Pferd und konnten dadurch ihre Mobilität erhöhen und ihre Jagd- und Sammelgründe beträchtlich erweitern – auch konnten sie sich zu größeren Verbänden vereinigen und so die amerikanischen und mexikanischen Truppen über viele Jahrzehnte hinweg erfolgreich bekämpfen -, aber sie haben im Grunde nie ihr altes Wildbeutertum aufgegeben und eine andere Produktionsweise entwickelt oder übernommen.
Zu den Westlichen Apache gehören die verschiedenen Banden der heutigen White Mountain- und San Carlos-Apache (Cibecue, Tonto u. a.) auch die Chiricahua, die noch etwa 10 000 Köpfe zählen, werden häufig zu den Westlichen Apache gerechnet. Die Östlichen Apache setzen sich aus Jicarilla (2300), Mescalero (1500) und Lipan (500) zusammen, die in getrennten Reservaten in New Mexico und Texas untergebracht sind. Die Apache bewohnen die höher gelegenen Bergländer des Südwestens, wo sie gegenwärtig einen ertragreichen Ackerbau mit Viehhaltung betreiben.
Alle Indianer des Südwestens, mit Ausnahme der in Mexiko lebenden Stämme, wohnen in Reservaten, von den teilweise in die Städte abgewanderten bzw. auch weiterhin abwandernden natürlich abgesehen. Deren Zahl wächst ständig, so dass sie heute einen Großteil der indianischen Bevölkerung Nordamerikas bilden. Die in den Reservaten lebenden Indianer sind, im Vergleich zu vielen anderen indianischen Gruppen Nordamerikas, sehr viel selbstbewusster und stolz auf ihre indianische Rassenzugehörigkeit.
Dazu trägt nicht zuletzt mit bei, dass sie es verstanden haben, ihre traditionelle Kultur in größerem Umfange als in anderen Gebieten Nordamerikas – nicht zuletzt auch begünstigt durch ihren kargen Lebensraum, der den Weißen wirtschaftlich wenig ergiebig schien und ihnen deshalb gelassen wurde – zu erhalten und trotz mancher Fährnisse bis in die Gegenwart zu retten. In besonderem Maße trifft dies auf die Pueblo-Indianer zu, die immer schon ein höheres Kulturniveau als die Nichtsesshaften aufwiesen und offenbar auch die Kraft besitzen, dem ungeheuren Druck der anglo-amerikanischen Zivilisation besser standzuhalten.